Manchmal sieht das Meer wirklich weiß aus

Weißes Meer – Weißer Fleck

Etabliert sich eine nachhaltige Aquakultur in friedlicher Koexistenz mit ökologischem Tourismus am Weißen Meer? Die Reise nach Karelien eröffnete neue Perspektiven: herzliche und kultivierte Menschen, Küste ohne Ende.

Auf Einladung von Vassily Spridinov vom WWF Rußland, der uns zuvor in Kiel besuchte, und der Lighthouse Foundation, konnte ich eine Küstenregion besuchen, die mir zuvor gänzlich unbekannt war: das Weiße Meer in der Gegend um Chupa, einem Dorf an der Westküste des Weißen Meeres.

Der Chupa-Fjord
Küste bei Chupa

Wie auch meine Reise nach Grönland war diese in den Norden Russlands durch unsere Erfahrungen im Algenanbau, der Algenverarbeitung und -vermarktung zustande gekommen. Ich begleitete Jens Ambsdorf von der Lighthouse Foundation, die ein Projekt zur nachhaltigen Entwicklung der Küstenregion am Weißen Meer unterstützen.

Die Aufgabe der Stiftung dort umfasste neben der Etablierung einer schonenden Aquakultur auch die Betreuung anderer Einzelvorhaben, wie z.B. der systematische Aufbau eines Ökotourismus unter Einbindung der Naturschutz-Bestrebungen in der Region.

Wir wollten einigen Leuten von der Gemeinde Chupa und in den Biologischen Stationen der Universitäten St. Petersburg und Moskau vorstellen, was CRM und oceanBASIS in Kiel mit „ihren“ Algen so alles veranstalten. Gleichzeitig wurden Empfehlungen erwartet, zumindest im Groben, inwieweit die Region für jegliche Formen von Aquakultur geeignet ist.

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Jens Ambsdorf von der Lighthouse Foundation nach 18-stündiger Anreise und drei Stunden Schlaf

Die Anreise über die Flugroute Hamburg – Moskau – Murmansk klappte hervorragend. Auch die klapprige Tupolew, in die wir in Moskau stiegen, konnte meine ehemals stark ausgeprägte Flugangst nicht entfachen. Die Autofahrt durch die schier unendlichen Wälder in das 400 km südlich von Murmansk gelegene Chupa am gleichnamigen Fjord im Westen des Weißen Meeres war aufgrund der langen Flugreise ermüdend. Die meteoritengroßen Schlaglöcher im Asphalt zwangen den Fahrer zu abrupten Slalomkursen, so dass an ein Nickerchen im Auto nicht zu denken war. Doch letztlich erreichten wir unser Ziel: eine Holzhütte direkt am Meer. In der noch immer hellen Sommernacht um vier Uhr morgens.

Boot, das sein Leben nun als Anglergrillstätte fristet
Aus unserer Holzhütte blicken wir auf ein Boot, das sein Leben nun als Anglergrillstätte fristet

Der Aufenthalt in der nordwestlichen Küstenregion des Weißen Meeres um Chupa gliederte sich in drei Teile:

1. Meeting mit der Gemeindeverwaltung und dem Bürgerkommitte von Chupa
2. Besuch der „White Sea Biological Station“ (WSBS) der Universität St. Petersburg
3. Besuch der „White Sea Biological Station“ (WSBS) der Universität Moskau

Während eines Treffens mit der Gemeindeverwaltung und dem Bürgerkommittee von Chupa wurde neben anderen Themen der nachhaltigen Entwicklung der Region auch das Thema Aquakultur angesprochen. Grundsätzlich sind die Voraussetzungen für die Aquakultur aus Sicht der Verwaltung in der Region gegeben, es existiert aber noch kein diesbezüglicher Entwicklungsplan. Die Gemeinde würde aber Aktivitäten in dieser Richtung unterstützen. Immerhin gibt es bereits mit einer Muschelfarm ein Beispiel der Aquakultur. Die langfristige ökonomische Überlebensfähigkeit ist aber aufgrund des beschränkten Zugangs zu entsprechenden Märkten noch nicht absehbar. Detaillierte Informationen zu der Muschelfarm liegen zur Zeit nicht vor. Wegen des knappen Zeitfensters des Aufenthaltes konnte die Muschelfarm leider nicht besucht werden.

Ein in Beton gegossener, wohl gedienter sowjetischer Außenborder an der Station der Uni St. Petersburg
Ein in Beton gegossener, wohl gedienter sowjetischer Außenborder an der Station der Uni St. Petersburg

Nach einer Führung durch die WSBS der Universität St. Petersburg, stellten Vjacheslav Khalaman und Daria Martynova die Arbeiten der Station vor. Außerdem erläuterten sie die geologischen, hydrografischen und meeresökologischen Besonderheiten des Weißen Meeres:

Das halbumschlossene Weiße Meer ist im Oberflächenwasser leicht brackig (etwa S=0,026) und enthält dort viele Arten, die in der Ostsee vorkommen; in größeren Tiefen ist das Meerwasser vollmarin, sehr kalt und enthält Polarmeer-typische Arten. Der Tidenhub von ca. zwei Metern ist für einen relativ guten Wasseraustausch bis in die Buchten und Fjorde hinein verantwortlich. Die Küsten des Weißen Meeres sind für die Hälfte des Jahres durch Eis geprägt.

Durch die dünne Besiedlung der Küste sind die anthropogenen Einflüsse überschaubar. Daria Martynova skizzierte auf einer anschließenden Exkursion in die stationsnahe Küstenlandschaft die Vielfalt der terrestrischen Flora und Fauna sowie die geologischen Besonderheiten.

Jens Ambsdorf, LF, und Sascha Tzetlin, Direktor der Station der Uni Moskau
Jens Ambsdorf, LF, und Sascha Tzetlin, Direktor der Station der Uni Moskau

Nach Ankunft auf der WSBS der Universität Moskau wurde von Studenten ein ROV („GNOM“) vorgestellt und nach der Führung des Direktors Sasha Tzetlin durch die Station auf einer kleinen Exkursion eingesetzt, um den Besuchern einen Einblick in die benthische Lebensgemeinschaft zu geben, insbesondere aber auch die Saccharina– bzw. Laminaria-Bestände zu inspizieren.

Ein gelber Gnom
Auf Unterwasser-Expedition mit einem ROV

Im Gegensatz zur Ostsee weist das Sublitoral des Weißen Meeres einen bemerkenswert stabilen und großen Bestand an S. latissima und L. digitata. Sie bilden in drei bis elf Metern Wassertiefe auf Steinen und Felsen einen Besiedlungsgürtel. Die Lebensbedingungen für diese Makroalgen sind ideal, sieht man vom leicht „reduzierten“ Salzgehalt einmal ab. Ich wurde eingeladen, einen Vortrag über die Kultivierung und Nutzung von Makroalgen zu halten. Die Resonanz war trotz der kurzfristigen Ankündigung erstaunlich gut und die anschließende Diskussion engagiert, insbesondere von den Studenten, von denen ich den Eindruck hatte, daß sie Lust haben auf neue Unternehmungen in Richtung Küstennutzung und nachhaltige Aquakultur. Es hat richtig Spaß gemacht, mit denen ein wenig in die Zukunft zu schauen, was für Oragnismen man am Weißen Meer nachhaltig, auch im ökonomischen Sinne, züchten könnte. Anschließend haben der Direktor der Station, J. Ambsdorf und ich die Möglichkeiten einer Kultivierung von Braunalgen in der Station diskutiert.

Die Braunalge Fucus als Dünger
Die Braunalge Fucus als Dünger

Über die wissenschaftliche Fragestellungen hinaus gibt es auch Ansätze einer privatwirtschaftlichen Unternehmung. Es war nach einiger Diskussion Konsens, dass eine schrittweise Annäherung an eine Braunalgen als Gartendünger wertschöpfende Verarbeitung der Algen sinnvoll und nachhaltig ist. Sascha bot an, die technischen Ressourcen der Station für die Erprobung der Laminarienkultivierung zur Verfügung zu stellen und darüberhinaus Studenten für eine Bearbeitung des Themas zu interessieren. Die politischen Rahmenbedingungen waren auch Thema. Man hofft auf eine Wiederbelebung der Demokratie in den Regionen. Diese Tendenz schien es vor Putin gegeben zu haben. Im Moment scheint alles wieder zentralisitisch gestrafft zu werden. Das frustriert insbesondere engagierte Menschen, deren eigene Aktivitäten von Bürokratie und absurden Steuerregelungen abgewürgt werden.

 

Was ich als Wichtigstes von dieser Reise mit nach Hause genommen habe, war die Herzlichkeit der Menschen und die gute Organisation der Stationen, in denen im Sommer bis zu 250 Menschen leben, studieren und arbeiten. Trotz äußerst geringer finanzieller Mittel hatte ich den Eindruck einer hervorragenden Lehr- und Forschungstätigkeit, die von allen mit Leidenschaft ausgeübt wurde. Aus fachlicher Sicht kann man festhalten, dass die Voraussetzungen für Aquakulturaktivitäten in der Region im Allgemeinen sehr gut zu sein scheinen und die Entwicklungspotentiale sehr groß. Fördernd für eine erfolgreiche Etablierung der Aquakultur in der Region können sein:

1. Die Anbindung der Aquakultur in andere (Entwicklungs-) Projekte, wie z.B. an den „Öko“-Tourismus, unter einer qualitätsvermittelnden Regionalmarke.
2. Eine detallierte Analyse
– der potentiellen Aquakulturarten,
– der Machbarkeit der spezifischen Kultivierungstechnik,
– der ökologischen und hydrografischen Bedingungen,
– der Infrastruktur und
– der potentiellen Märkte.
3. Die Schaffung von kleinen Erfolgsbeispielen.

Auch im konkreten Fall einer Kultivierung von Braunalgen sind die Voraussetzungen gut, denn die technischen Ressourcen sind überschaubar und verfügbar, das prinzipielle Know-How der Physiologie, Ökologie und Kultivierung der Pflanzen existiert. Einetechnisch-wissenschaftliche Kooperation zwischen der Station der Moskauer Universität und CRM-Coastal Research & Management, Kiel, ist von beiden Seiten erwünscht und der Marktanschluß über oceanBASIS möglich…

…wenn es nur die Grabenkämpfe der Politik nicht gäbe!