Tiessenkai in Holtenau

125 Jahre Nord-Ostsee-Kanal

Ein technisches Meisterwerk prägt Schleswig-Holstein

Unser Büro in Holtenau, am Tiessenkai (siehe Titelbild), liegt direkt gegenüber den Schleusen des Nord-Ostsee-Kanals (NOK, international “Kiel Canal”). Jährlich passieren hier ungefähr 30.000 Frachter und Kreuzfahrtschiffe den Übergang aus der meistbefahrenen künstlichen Seeschifffahrtsstraße der Welt in die Kieler Förde. Die Schleusen sind daher beliebtes Ausflugsziel für „Shipspotter“ sowie Touristen und die steigungsfreien Wege entlang des Kanals besonders für Radtouren gut geeignet. Die Gegend ist aber nicht nur mit der modernen Schifffahrt verwoben, sie steht ebenso für viel Geschichtliches und Geschichten. In diesem Monat wird der Kanal 125 Jahre alt – ein guter Anlass, einmal zurück und hinter die Kulissen zu schauen.

Von Anfang an hat der Nord-Ostsee-Kanal eine große Bedeutung für die Menschen, er ernährt und prägt diese nun schon seit mehreren Generationen. Sein Bau in den Jahren 1887 bis 1895 zog Arbeiter von überall her an. Handwerker, Maschinisten, Heizer und Schiffer kamen beispielsweise aus Ostpreußen und Bayern. Besonders gefragt waren die italienischen Maurer und Sprengmeister, welche Spezialkenntnisse vom Tunnelbau in den Alpen mitbrachten und den Granit beim Bau der Brücken und Schleusen zu bearbeiten wussten. Die Arbeiter fanden eine gute Infrastruktur vor mit Unterkunft in Barackenlagern, Verpflegung und festem Gehalt.

Auch ein Großteil der Schleswig-Holsteiner wirkte am Kanalbau mit. Sie lieferten Kohle und Wasser für die Bagger, und Schlachtereien, Bäckereien sowie Schlossereien verdienten als Zulieferbetriebe ihren Lebensunterhalt. Da der Kanal mit Steinen ausgelegt ist, konnten Bauern ihre Findlinge verkaufen, und es entstand der Beruf der Steinfischer, welche Steine vom Grund der Ostsee bargen und anlieferten. Im Sommer arbeiteten auf der größten Baustelle Europas bis zu 9000 Menschen – ein Jahrhundertprojekt, das weltweit Beachtung fand. Als Wilhelm II. den Kanal am 21. Juni 1895 feierlich eröffnete, taufte er ihn zunächst nach seinem Großvater auf den Namen „Kaiser-Wilhelm-Kanal.“

Ein Wasserstand von Brunsbüttel nach Kiel

Für die Ingenieure war der Kanalbau eine riesige Herausforderung, ihre Berechnungen waren maßgeblich für das Gelingen des Projekts. So war das Gelände im Westen sumpfig, teilweise unter dem Meeresspiegel liegend; im Osten fand sich eine Hügelkette, die steil zur Ostsee abfiel. Durch diese verschiedenen Landschaftszonen hindurch sollte der Kanal auf seiner kompletten Länge, knapp 100 km, denselben Wasserstand haben. Im westlichen Dithmarschen wurde daher das tiefergelegene Land eingedeicht und abgesichert. Die Deiche rutschten aber auf dem weichen Moorboden immer wieder ab. Letztlich lieferten die Arbeiter schweren Sand an, der den Moorboden an den Deichen fest zusammendrückt.

Zudem muss das weiche Marschland permanent entwässert werden, dabei dient der Kanal als Vorfluter. Bis heute bekommt er sein Wasser nicht aus dem Meer, sondern über 18 Schöpfwerke aus den niedergelegenen Landesteilen und über den Zufluss zahlreicher Flüsse wie der Eider. Die 1894 fertiggestellten Schleusen in Kiel-Holtenau und Brunsbüttel gleichen den unterschiedlichen Wasserstand in der Nordsee und der Ostsee aus.

Schleusentore
Die genieteten Schleusentore sind nur eingehängt und können später mit einem Schwimmkrahn ausgehoben und gewechselt werden.

Arbeitsunfälle und Schlägereien

Neben der guten Infrastruktur und wirtschaftlichen Absicherung von Arbeitern und Familien hatte der Kanalbau auch seine Schattenseiten. Die Marketenderei, die die Arbeiter mit Waren versorgte, gab Alkohol an die Arbeiter aus – Bier und Rum waren zusätzlich zum Gehalt Teil der Bezahlung. Streitigkeiten und Schlägereien unter betrunkenen Arbeitern wurden zum Problem. Gleichzeitig führte die harte Arbeit in schwierigem Gelände zu schweren Arbeitsunfällen. Immer wieder gab es Verletzte bei Sprengungen, oder Maschinen rutschen auf dem matschigen Boden ab. Die 7-jährige Bauzeit forderte 90 Tote bei ungefähr 6000 Arbeitsunfällen. Die Kanal-Zeitung, in Brunsbüttel herausgegeben, berichtete damals über den Bau ebenso wie über kriminelle Ereignisse und Unfälle.

Kanalzeitung_Meldung
Beim Schleusenbau in Holtenau stirbt ein Arbeiter durch den herabfallenden Teil eines Krans, als dieser Granitsteine verladen soll. Auszug aus der “Kanal-Zeitung” vom 15. Dezember 1891.

 

Der Kanal teilt das Land

Seefahrer träumten schon seit Jahrhunderten von einer Verbindung zwischen Nord- und Ostsee, denn die weite Strecke durch das gefürchtete Skagerrak forderte im Laufe der Geschichte viele Tote. Der Kanal erspart Schiffen eine Strecke von ca. 250 Seemeilen, also ungefähr 460 km. Heutzutage sparen Schiffe mit der Durchfahrt, je nach Ziel, bis zu 18 Stunden Zeit und Tausende Tonnen Schiffstreibstoff.

Allerdings durchschnitt der Kanal in Schleswig-Holstein gewachsene Kulturlandschaften. Landstraßen endeten plötzlich am Wasser, und Orte wie Sehestedt wurden in der Mitte geteilt. Um dem zu begegnen, verfügte der Kaiser neben dem Bau von Dreh- und Hochbrücken den Einsatz von Gratis-Fähren.

Prahmdrehbrücke Holtenau
Eine Drehbrücke diente anfangs den Anwohnern in Holtenau als Verbindung in die Wik.

Eine Kanalfähre für Holtenau

Im Zuge der ersten Kanalerweiterung 1907 bis 1914 – schon bei seiner Eröffnung genügte der Kanal der Größe der neuesten Schiffe nicht mehr – wurde die Drehbrücke, die Holtenau mit dem Rest der Stadt verband, durch die Prinz-Heinrich-Brücke ersetzt. Da diese Hochbrücke westlich des Ortskerns lag, erkämpften sich die Anwohner als direkte Verbindung für Fußgänger den Einsatz einer Personenfähre. Sie war zunächst für die Anwohner, ab Ende der 1970er Jahre für jedermann kostenlos.

Seit 1984 pendelt hier die “Adler 1.” Die kleine Fähre darf 49 Passagiere befördern und wird auch liebevoll “Schuhkarton” genannt. Nicht nur Ausflügler nutzen die 4-minütige Verbindung – für alle Radfahrer bei Oceanwell ist es die direkte Verbindung aus der Stadt Richtung Tiessenkai. Und was gibt es Schöneres, als sich schon frühmorgens vom maritimen Flair inspirieren zu lassen?

Bildnachweis:
Titelfoto, Eisenbahnhochbrücke und historische Bilder: WSA Kiel-Holtenau
Zeitungsausschnitt: © Stadtarchiv Brunsbüttel, Kanalzeitung 15.12.1891 gray0564
Fähre: Miriam Berwanger

Weiterführende Infos:
Zahlen und Fakten zum Kanal veröffentlicht das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Kiel-Holtenau
Fernsehdokumentation der NDR-Reihe “Unsere Geschichte”: 125 Jahre Nord-Ostsee-Kanal

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Veröffentlicht von

Miriam Berwanger

Miriam Berwanger

Mein Name ist Miriam Berwanger, und ich bin bei OceanBASIS im Bereich Kommunikation und Marketing tätig. Beruflich gilt meine Leidenschaft dem Texten, privat liebe ich das Meer. Ich bin glücklich beides verbinden zu können, denn ich schreibe über wissenschaftliche Zusammenhänge sowie die Menschen hinter der Marke Oceanwell. Nach Feierabend entspanne ich beim Segeln oder einem Spaziergang am Strand…

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