Kieler Meeresfarm

Die Kieler Meeresfarm – nachhaltige Aquakultur vor unserer Haustür

geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Heute interviewe ich die drei Inhaber*innen der Kieler Meeresfarm, Tim Staufenberger, Nikolai Nissen und Kristina Hartwig. Tim hat über eine Projektarbeit bei CRM und oceanBASIS die ersten Leinen der heutigen Meeresfarm gesetzt. Niko und Kristina sind ein paar Jahre später als Erntehelfer*innen dazugekommen. Die Drei erzählen, wie ihre Arbeit auf der Muschelfarm aussieht, wie sie gegen die Meeresverschmutzung kämpfen und warum man fürs Muschelfarming eine gesunde Portion Leidenschaft braucht.

Mögt Ihr kurz erzählen, wie sich die Muschelfarm als Unternehmen entwickelt hat?

Tim: Gestartet haben wir als Projekt bei CRM und oceanBASIS, als ein Projekt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, da ging es um extraktive Muschel- und Algenkultur, also nachhaltige Nutzung der Meere. Ich kam dort als Projektmanager dazu, habe dann das Projekt mit aufgebaut und habe die ersten Leinen mitgesetzt, die dann zur Muschel- und Algenkultivierung genutzt wurden. 2014 habe ich dann die erste Kieler Meeresfarm ausgegründet. Damals war ich nur eine Betreiberfirma der Meeresfarm und aus dieser ersten Kieler Meeresfarm erwuchs dann mit der Akquise von Niko und Kristina das finale Konstrukt der Kieler Meeresfarm GmbH & Co. KG. Und seit dem 13.03.2020 sind wir drei jetzt die selbständigen Inhaber*innen der Kieler Meeresfarm.

Inhaber Meeresfarm
Tim Staufenberger, Kristina Hartwig und Nikolai Nissen

Was ist der schönste, was ist der schwierigste Teil Eurer Arbeit? Wahrscheinlich hängt das zumindest zum Teil auch mit dem Wetter zusammen?

Niko: Absolut! Ich habe früher – bevor ich hier gearbeitet habe, und vor allen Dingen auch noch, bevor es jetzt meine eigene Firma war – Sturmereignisse immer sehr geliebt. Ich fand es schön, Wetterextreme zu haben. Ich finde es immer noch beeindruckend, aber jetzt ist die Anspannung echt groß, wenn wir Sturm aus einer Richtung haben, die für uns ungünstig ist. Wir haben da draußen eine Anlage, da kann viel passieren. Das ist unsere Existenz! Und ich mag Sturm-Events längst nicht mehr so gerne, wie früher. Solche Wetterlagen sind für mich eine harte Zeit, da macht man sich einfach viele Sorgen.

Kristina: Vielleicht lässt es sich so am besten erklären: Der härteste Teil oder der schönste Teil ist gar nicht so sehr auf Aktivitäten gemünzt, sondern der härteste Teil ist tatsächlich, sich irgendwie Sorgen zu machen, und zu hoffen, dass da draußen alles in Ordnung ist. Und der schönste Teil ist eigentlich, wenn Prozesse, die man sich ausgedacht und geplant hat, auch so ineinandergreifen, dass alles irgendwie läuft und fließt. Dann kann man für sich auch sagen: „Das hat alles funktioniert, wie wir uns das gedacht haben“, und am Ende sind auch die Kunden zufrieden.

Wie sieht denn Eure Arbeit bezüglich eines Muscheljahres aus? Man sagt ja so gemeinläufig, man darf nur Muscheln essen in den Monaten mit R. Dann gehe ich als Laie davon aus, dass Ihr in den Monaten mit R Muscheln erntet und verkauft. Und dann gibt’s noch einige Monate ohne R, was macht Ihr dann?

Tim: Urlaub!! (Alle Drei lachen.)

Niko: Das mit den Monaten mit R ist – nicht nur, aber weitestgehend – ein Überbleibsel aus Zeiten, wo das mit den Kühlketten noch nicht so richtig vorhanden und gediehen war. Die Muscheln, die wir verkaufen, werden ja sowieso jede Woche getestet. Von daher würde es keine Rolle für uns spielen, in welchem Monat wir sie verkaufen. Ein bisschen spielt auch noch ‘rein, dass E. Coli Bakterien oder, noch schlimmer, Algentoxine am ehesten bei warmem Wasser vorhanden sind. Wir haben mit beidem hier keine übermäßigen Probleme, schon gar nicht in der kalten Jahreszeit.
Wir machen aber tatsächlich keinen Urlaub in der Zeit, in der wir nicht verkaufen können! Wir müssen analog zur Muschelentwicklung Leinen fertig machen, damit sich die Jungmuscheln drauf ansiedeln können. Wir müssen diese Leinen vorher säubern, damit die nicht schon völlig mit Algen, Seepocken und allen anderen Organismen überwuchert sind. Das würde den Muscheln erst ‘mal gar nichts machen, die würden sich oben draufsetzen. Aber da haften sie nicht so gut, und dann verlieren wir sie beim Hochholen aus dem Wasser. Dann fangen die Muscheln an, größer zu werden, und nehmen gerade am Anfang sehr stark an Gewicht zu. Wir müssen dann laufend rausfahren und analog zu der Gewichtszunahme der Muscheln Bojen nachstecken, und das ist viel Arbeit. Wir können an eine Leine nicht am Anfang schon 100 Bojen binden, das wäre viel zu viel Auftrieb, dann würden diese Bojen immer tanzen, und dann verlieren wir viele Bojen, weil sie sich dann gegenseitig freischeuern. Sobald wir anfangen zu ernten, machen wir ja Leinen wieder frei, das heißt, das Gewicht kommt von der Leine runter, dann müssen wir diese Bojen wieder runternehmen. Die Bojen werden auch besiedelt, da sind also auch Muscheln drauf, Seepocken, Algen, und das reduziert den Auftrieb, die müssen also gereinigt werden. Das ist viel Arbeit, wenn man 300 – 400 Bojen von Aufsitz-Organismen reinigen will. Dann müssen auch Leinen erneuert werden, und es ist tatsächlich einfach viel Wartungsarbeit.

Kristina: Genau, und dann gibt es ja auch in der Marina und im Büro durchaus auch noch ein paar Sachen zu tun: Die ganze Verkaufssaison muss vorbereitet werden, die Kunden und Lieferanten müssen informiert werden. Wir haben ja auch noch ein paar andere Tätigkeiten, mit denen wir unterwegs sind, Forschungsprojekte zum Beispiel. Das Schiff und der Kran und die Sortiermaschine müssen gewartet werden. Also da sind gerade im Sommer genügend Tätigkeiten, die man im Winter einfach nicht machen kann, der Zeit und der Temperaturen wegen.

In den Medien wird man immer wieder mit der Umwelt- und der Meeresverschmutzung konfrontiert, Mikroplastik ist immer wieder ein Thema, oder auch sonstige Schadstoffe. Kämpft Ihr Muschelfarmer mit solchen Umweltverschmutzungen?

Tim: Schön, dass Du das ansprichst! Kämpfen wir damit? Nein. Kämpfen wir dagegen? Ja! Wir möchten gerne, dass die Umwelt sauber wird und dass sie auch sauber bleibt. Du hast gerade zum Beispiel Mikroplastik angesprochen. Da gibt’s jetzt zwei Seiten: Es gibt einmal die Sachen, die wir machen müssen, weil wir Lebensmittel produzieren, und dann die Sachen, die wir machen wollen. Wir testen zum Beispiel im Moment nur auf die bekannten Schwermetalle, PCBs (PCB steht für Polychlorierte Biphenyle, Anm. d. Red.), Plastikrückstände, alles was schon bekannt ist. Unsere Muscheln sind so gut in der Qualität, dass sie roh verzehrt werden dürfen, nach den jetzt gängigen Standards. Für Mikroplastik zum Beispiel gibt’s noch keinen Test, den wir durchführen müssen. Wir sind aber daran interessiert, dass wir kein Mikroplastik in den Muscheln drin haben, und da arbeiten wir dann zum Beispiel mit den Universitäten zusammen. Sprengstoff ist auch ein ganz großes Thema gerade im Moment, und den kann man einfach nicht gut nachweisen. Wir haben zum Beispiel unsere Meeresfarm zur Verfügung gestellt, um Projekte durchführen zu können. Die Universität kam auf uns zu, und unsere Muscheln haben sie genutzt, um die Blindprobe zu machen. Die Muscheln, in denen kein Sprengstoff drin ist – die kommen von uns – bringen sie in einen Bereich, wo viel Sprengstoff ist, und messen dann, ob die Muscheln etwas aufgenommen haben. Und tatsächlich konnte man jetzt zum ersten Mal nachweisen, dass Muscheln Sprengstoffrückstände aufnehmen. Wir haben Glück, weil unsere Muscheln so weit weg sind von allem, dass sie nichts aufnehmen. Aber das ist halt ein erster Schritt, um zu sagen, dass man es jetzt endlich nachweisen kann. Das ist etwas, was über unsere Verpflichtung als Produzent von Nahrungsmitteln hinausgeht.

In den Medien wird Aquakultur oftmals in einem schlechten Licht dargestellt – teilweise auch berechtigt. Dadurch ist auch das Tierwohl in letzter Zeit vermehrt Gesprächsthema geworden. Wie ist das mit den Muscheln? Ist Muschelzucht Massentierhaltung unter Wasser?

Niko: Was wir hier machen, ist keineswegs Massentierhaltung. Wir stellen der Muschel nur den Raum zur Verfügung, die Muscheln siedeln sich selber an. Das heißt, wir verbringen die nicht dorthin, und zwingen sie auch nicht, da zu bleiben. Das sind Merkmale, die mit Massentierhaltung überhaupt nicht vereinbar sind. Ich denke, wenn man es übertreibt, und die Muscheln gestapelt irgendwohin schmeißt und künstlich dafür sorgt, dass sie da dann auch bleiben, obwohl sie eigentlich viel zu dicht aufeinandersitzen, dann wäre auch eine Muschelzucht Massentierhaltung. Muschelzucht ist nicht mit der Massenzucht von Lachsen in den norwegischen Fjorden vergleichbar. Was wir hier machen ist schon recht behutsam und wie gesagt: Die Muschel kommt von alleine, auch wenn sie sicherlich nicht eingeplant hat, nachher im Topf zu landen.

Kieler Meeresfarm
Blick auf die Kieler Meeresfarm

Ihr seid ein großes Vorbild für alle, weil Ihr genau das gemacht habt, wozu vielen der Mut fehlt, nämlich ein Unternehmen zu gründen, und dabei zu bleiben. Angenommen, jemand möchte hier an der Förde ein neues Start-up gründen: Welche wichtigsten Tipps würdet Ihr dem enthusiastischen Gründer oder der enthusiastischen Gründerin mit auf den Weg geben wollen?

Tim (augenzwinkernd): Lauf! Nimm eine Anstellung, mach‘ ‘was Ordentliches! (Alle lachen!)
Nein – wenn Du das willst, dann schaffst Du das auch! Es wird hart werden, es wird richtig hart werden! Du musst die Zähne zusammenbeißen, und Du musst Dir überlegen, wo Du hinwillst. Verlier‘ Deinen Weg nicht, und dann schaffst Du das auch!

Kristina: Viel mehr ist dem nicht hinzuzufügen. Es braucht es einfach, sich selbst treu zu bleiben – mit welcher Idee auch immer. Und durchaus auch Vertrauen darin zu haben, dass sich die Dinge dann auch fügen werden.

Niko: Ich würde sagen, man muss auf jeden Fall Leidenschaft mitbringen. Man muss wirklich eine Leidenschaft haben und nicht mit dem Ziel anfangen, Säcke voller Geld zu generieren. Da gibt’s sicherlich einfachere Möglichkeiten, eine Gelddruckmaschine ist das nicht! Man muss das wollen, man muss da Spaß dran haben, und man muss damit rechnen, dass man gegen viele Widerstände arbeiten muss. Und dann kann das unter Umständen auch was werden.

Mögt Ihr überhaupt Muscheln?

Tim: Wir wissen ja jetzt, was drin ist (grinst). Ja, wir mögen Muscheln!

Kristina: Aber nur unsere (lacht)!

Allerletzte Frage: Habt Ihr einen Geheimtipp, wie man die Muscheln am besten zubereiten kann?

Kristina: Ja, Geheimtipps haben wir viele, aber die verraten wir natürlich nicht (lacht)! Aber ich glaube, meistens ist simpel das Beste, dann kommt der Muschelgeschmack schön raus. Irgendeinen Pott nehmen, bisschen Öl rein, Zwiebeln und/oder Knoblauch anschwitzen, dann entsprechend die geputzten und gewaschenen Muscheln obendrauf, Deckel drauf, 10 Minuten warten, ‘mal durchschütteln und wenn alle Muscheln offen sind – fertig! Ein bisschen Baguette dazu, und dann passt das schon! Ganz einfach!

Niko: Würde ich auch sagen – ganz einfach! Das zahlt sich immer aus.

Tim: Wasser gehört da nicht rein, die Muscheln nicht ertränken! Das machen nämlich viele. Unsere Muscheln bringen ihr Wasser mit! Deswegen wird da auch ein super Sud draus, denn unsere Muscheln sind halt nur 5-6 Stunden aus dem Wasser und nicht drei Wochen unterwegs, bis der Kunde sie hat.

Das klingt super lecker, vielen Dank!

Tim: Danke, dass Du an uns gedacht hast! Und ich möchte mich auch bei Kristina und Niko bedanken, dass sie mich schon so lange ertragen! Ich hab‘ ja gesagt, ich hab‘ sie gefunden, aber eigentlich haben die mich gefunden, und ich bin da ganz happy drüber!

Kristina: Ich möchte gerne noch sagen: Am 1. September-Wochenende geht’s los! An alle, die das lesen: Wir freuen uns auf alle! Wahrscheinlich wird der 4. September, ein Samstag, der erste Tag am Tiessenkai! Wir freuen uns über Vorbestellungen per Telefon, per Mail, wir freuen uns auf alle, die vorbeikommen!

Dies ist eine sinngemäße, gekürzte Version des Interviews; das vollständige Interview wird demnächst als Podcast veröffentlicht.

Bildnachweis:
Die Fotos wurden uns von der Kieler Meeresfarm zur Verfügung gestellt.

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Veröffentlicht von

Ruth Gingold

Ruth Gingold

Moin, mein Name ist Ruth Gingold. Ich bin Meeresökologin und bei CRM für Nachhaltigkeitsprojekte im weitesten Sinne tätig. Derzeit beschäftige ich mich unter anderem mit der Frage, wie die nachhaltige Aquakultur in der Region gefördert werden kann. Über kleine und große Fortschritte zu dem Thema schreibe ich gerne ab und zu hier ein paar Zeilen. Privat stecke ich am liebsten meine Füße in den warmen Sand oder bewundere die Unterwasserwelt durch die Taucherbrille.

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