Schutz der Meeresschildkröten von Côte d`Ivoire

Ich möchte über ein schönes und sinnstiftendes Projekt erzählen. Seit 2015 läuft die Oceanwell-Kampagne „Protect the Ocean“ , die im westafrikanischen Staat Côte d’Ivoire den Schutz von Meeresschildkröten unterstützt.

Vier bedrohte Schildkrötenarten, wie z.B. die Lederschildkröte, leben in dieser Meeresregion und nutzen die Strände zur Eiablage. Sie alle sind stark gefährdet durch die Fischerei, aber auch durch andere Küstenbewohner, für die das Sammeln der Eier und die Jagd nach Schildkröten am Strand Tradition hat. Daher ist die Beteiligung der Bevölkerung an den Schutzmaßnahmen ein besonders wichtiger Erfolgsfaktor. Seit 2012 arbeitet federführend der Verein CEM (Conservation des Espéces Marines) daran, an der Côte d’Ivoire das erste Küstenschutzgebiet Westafrikas entstehen zu lassen.

Für den ivorischen Biologen Alexandre Dah, einen der Initiatoren des Projektes, ist die Sensibilisierung der Menschen für ihre Küsten und die Schildkröten die größte Herausforderung. Inzwischen haben sich schon Mitstreiter aus den umliegenden Dörfern gefunden, die als „Protecteur des Tortues“ mit den Menschen sprechen und sich aktiv für die bedrohten Arten einsetzen. Die Maßnahmen reichen von regelmäßigen täglichen und nächtlichen Kontrollgängen der sogenannten „Strandbrigade“ zur Brutzeit, bis hin zu Überführungen der am Strand geschlüpften Schildkrötenbabies ins Meer. Damit wird die Wanderung der Jungtiere vom Strand ins Meer gesichert und auch Dutzende erwachsene Tiere vor Verfolgung geschützt.

Der Kieler Biologe und Kooperationspartner von Oceanwell, Olaf Grell, berät und unterstützt die Initiatoren vor Ort. 2016 kaufte er für die Frauen-Kooperative des an das Schutzgebiet angrenzende Dorfes Dawa eine motorgetriebene Maniok-Zerkleinerungsmaschine. Sie ermöglicht es den Frauen, Maniok-Produkte in größerer Menge herzustellen und zu verkaufen. So verbessert sich der Lebensstandard und indirekt auch die Akzeptanz der Menschen für das Schutzprojekt.
Mit Oceanwell-Mitteln wird auch 2017 die 16-köpfige „Strandbrigade“ unterstützt. Sie schützt während der Brutsaison die Schildkröten-Gelege. Für eine verbesserte Kommunikation während der nächtlichen Patrouillengänge wurden eine Reihe Mobiltelefone angeschafft.

Die Begeisterung der Bevölkerung vor Ort für das Meeresschildkröten-Projekt wächst kontinuierlich und es gewinnt zunehmend an Bekanntheit. So haben Einheimische im Ort San Pedro selbständig ein bedrohtes Gelege ausgegraben und ins Schutzgebiet gebracht. Die Schildkröteneier wären ansonsten einen Tag später in der Bratpfanne gelandet. Die erwachte Freude der Einheimischen am Tierschutz lässt erwarten, dass sich der langsam entwickelnde sanfte Tourismus im östlichen Teil des Projektgebietes nicht negativ auf die Schutzziele auswirkt.
Über die von Oceanwell eingerichtete CEM Homepage wurde in diesem Jahr die amerikanische Organisation „Rainforest Trust“ auf das Projekt aufmerksam und überlegt nun, die Einrichtung eines offiziellen Schutzgebietes (Réserve Naturelle Volontaire) maßgeblich zu unterstützen.

Jetzt heißt es noch biologische Feldarbeit zu machen und mit dem Engagement der Menschen vor Ort zu arbeiten. So würde in Westafrika das erste Meeresschutzgebiet entstehen und damit einen lebendigen Beitrag zum Nachhaltigkeitsziel SDG 14 (Meeresschutz) der Agenda 2030 beitragen.

Was kostet der Ozean?

Die Potenziale zur Nahrungssicherung und zur Wertschöpfung der lebenden Ressourcen im Meer scheinen unendlich. Heute schon werden jährlich über 100 Mio. Tonnen Algen, Fische, Krebse und andere Organismen im Meer gefangen bzw. kultiviert und über 3 Mrd. Menschen beziehen zu mindestens 20% ihren Bedarf an tierischem Eiweiß aus Fischen. Für die Zukunft brauchen wir noch mehr Meer, weil die Weltbevölkerung bis 2050 auf nahezu 10 Mrd. Menschen ansteigt. Auch die potenzielle Wertschöpfung aus lebenden marinen Ressourcen, die nicht zur Ernährung eingesetzt werden, ist beachtlich: allein der Wert von bislang unentdeckten chemischen Verbindungen zur Behandlung von Krebsmedikamenten wird auf 400 Mrd. bis 4 Billionen Euro geschätzt. Noch größere Innovationsmotoren und Werte schlummern in anderen, lebensnahen Bereichen: Nahrungsergänzung aus Mikroalgen, Naturkosmetik mit Tang, Enzyme zur Herstellung von Textilfarben, Züchtung von Knorpelzellen mit Quallen-Kollagen, antimikrobielle Beschichtungen auf Hüftprothesen und Energiegewinnung mit Wasserstoff aus Algen. So weit, so gut.

Der Haken dabei: davon, dieses Potenzial clever zu nutzen, sind die Menschen Meilen entfernt. Denn wie sollte eine Quelle, die gleichzeitig Kloake und größtes Müllbehältnis der Menschheit ist, jemals zuverlässige Lieferantin für saubere Nahrung und Medikamente sein? Wie kann man sich der marinen Ökosysteme und ihrer „Services“ bedienen, wenn die Menschen aktiv am Austilgen von Arten mitwirken, von denen man einen Großteil, wenn nicht die meisten, noch garnicht kennt? Wir könnten wesentlich optimistischer in die Zukunft blicken und mit einem größeren Wohlstand rechnen, würden wir die Meere nicht mit Öl, radioaktiven und Plastikabfällen verseuchen. Hinzu kommen viele Belastungen, deren Folgen heute noch nicht abschätzbar sind, wie z.B. der Tiefseebergbau, das vermehrte Wachstum von pathogenen Keimen in organisch belasteten Sedimenten sowie die Freisetzung von Methan und anderen klimarelevanten Gasen aufgrund einer Temperatur- und pH-Änderung. Diese Einflüsse wirken sich in jedem Falle auf den Wert der biologischen Ressourcen und ihres Nutzungspotenzials aus.

Unumkehrbare Realität ist weder die intelligente, vorausschauende Nutzung, noch eine absolute Zerstörung der Meere. Auf einem Scheideweg befinden wir uns indes schon. Die ethischen, juristischen und politischen Grundsätze für den besseren Weg wurden bereits in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet, z.B. das Vorsorgeprinzip und das Prinzip des „common heritage of mankind“, das vor allem der maltesische Diplomat Arvid Pardo und die Seerechtsexpertin Elisabeth Mann Borgese, Ideengeber für eine neue Weltordnung und Begründer des Seerechtsübereinkommens (UNCLOS 1982), vorantrieben. Auf die Richtung haben wir uns also schon geeinigt. Auch konkrete Ziel- und Handlungsvorgaben unter Anwendung des aktuell verfügbaren Wissens gibt es bereits. Hier stechen in ihrer Wichtigkeit und Aktualität die sogenannten „Sustainable Development Goals“ (SDG) hervor. Dies sind Ziele der Vereinten Nationen, die eine nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Basis sichern sollen. Sie traten am 1. Januar 2016 mit einer Laufzeit von 15 Jahren (bis 2030) in Kraft. Ein Ziel (SDG 14) widmet sich ausdrücklich den Ozeanen und ihrer nachhaltigen Nutzung. Dringliche Aufgabe ist es nun, diese Ziele national und international über Politik, Administration und Aufklärung umzusetzen. Nicht nur, weil das Meer Wohlstand schafft, sondern auch, weil es einfach schön ist.

Mikroplastik im Meer

Meere und Ozeane sind verschiedenen Arten von Bedrohungen ausgesetzt.
Die kontinuierliche Ansammlung von Müll in den Meeren ist bereits seit Jahrzehnten ein bekanntes weltweites Problem. Trotz der erhöhten internationalen Aufmerksamkeit und Bemühungen, Kunststoff aus der Umwelt herauszuhalten, schreitet der Aufbau dieser Materialien in zunehmenden Maße voran:

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