In den Busch

Ich schreibe nun aus unserem Camp nahe dem Dorf Pitiké, in dem wir uns seit einem Tag aufhalten. 

Dass wir überhaupt Internet an diesem Außenposten der Zivilisation nutzen können, ist schon erstaunlich. Aber in vielen Ländern Afrikas ist die Infrastruktur und Verwendungsvielfalt der mobilen Kommunikation viel weiter als in Europa. Leider reicht die Verbindung meist nicht für das Versenden von Fotos aus – die werden dann nachgeliefert, wenn wir wieder eine stabilere Verbindung haben.

Pünktlich kam Alexandre uns mit dem Pickup abholen. Die Kardanwelle wurde in das Auto eingebaut, allerdings funktionierte der Vierradantrieb noch nicht, den wir später vermissen sollten.

Wir verstauten uns und unser Gepäck im Auto und starteten nach einem kurzen Zwischenstopp im Supermarkt, um zwei  große Säcke Reis und Wasser zu kaufen, zu unserem ersten Reiseabschnitt. 

Auf dem Reiseabschnitt nach Grand Bereby wurden wir gleich dreimal von Polizei und Militär angehalten und kontrolliert, was wir relativ gleichmütig hinnahmen. Einmal tat ein Anruf bei einem Vorgesetzten, den Alexandre kannte, Wunder, das andere Mal eine Flasche Pastis. Der eine Stopp hinterließ allerdings doch einen unangenehmen Beigeschmack wegen der für uns ungewohnten Aggressivität, mit der Verstößen von Verkehrsteilnehmern von Seiten der Autorität begegnet wird.

Wir verloren durch die Kontrollen einige Zeit, trafen aber dennoch mit Vorfreude auf ein kühles Bier in Grand Bereby ein, um Assa, den Ornithologie-Studenten und Guivé von der Marinepolizei zu treffen. Guivé ist Gründungsmitglied des ivorischen Vereins CEM, der den Meeresschildkrötenschutz in Côte d’Ivoire organisiert. Gemeinsam fuhren wir mit zwei Autos weiter auf der Küstenstraße Richtung Westen. Inzwischen war die Dunkelheit ziemlich schnell hereingebrochen. An einer T-Kreuzung hielten wir bereits im Stockdunkeln und Alexandre fragte nach dem besten Weg nach Pitiké, unserem Zielort. Es hatte in dieser Gegend stark geregnet und die Straßen waren in erbärmlichem Zustand. Alexandre entschied sich den kürzeren Weg direkt an der T-Kreuzung zu nehmen, während Assa und Guivé im normalen PKW einen Umweg über die größere Straße nach Kablaké nahmen, ein Dorf, dass etwa 1,5 km westlich von Pitiké liegt. Was zunächst als normale Piste begann, mündete in einen Dschungelpfad, durch den gerade ein Auto passte. Man ahnte die Spuren des Pfades eher, rechts und links eine grüne Wand, was immerhin einigermaßen Orientierung lieferte. Die Pfützen hatten die Dimension von kleinen Tümpeln; dennoch fuhr Alexandre sicher und mit genügend Dynamik durch sie durch. Es passierte trotzdem, was wir alle befürchten, weil wir den Allradantrieb nicht benutzen konnten: ein besonders glitschiges und tiefes Exemplar stoppte unsere Rallyefahrt. Festgefahren. Einige Befreiungsversuche schlugen fehl, doch mit Hilfe der von Inez herbeigeschafften Palmwedel, die wir vor und hinter die Räder legten, sowie mit der geballten Power von fünf fluchenden, bis in die Haarspitzen mit Schlamm bespritzten, angemessen eingeschüchterten, aber abenteuerlustigen Westeuropäern bugsierten wir das Auto aus seiner Versenkung. Die angehobenen Arme waren Ausdruck von Jubel, aber auch eine typische Handbewegung, die imaginären und tatsächlichen Spinnen und sonstigen Viecher von unseren Nacken zu schubsen. 

Ein paar Kilometer auf Sumpf-  und schließlich Strandsandpiste noch und wir erreichten das Dorf Pitiké…was wir erst garnicht wahrnahmen, denn das Dorf war komplett lichtfrei. Bewölkung und Neumond verstärkten den Effekt absoluter Dunkelheit. Dann leuchteten uns die ersten Taschen- und Stirnlampen entgegen und wir wurden zum Dorfchef geleitet, um unsere Begrüßung zu zelebrieren:

Wir setzten uns in eine Runde von etwa 20 Personen. Jeder der anwesenden Dorfbewohner – es waren ausschließlich Männer – schien eine Funktion bei diesem Ritual zu haben. Der Dorfchef begrüßte uns erst persönlich, nachdem ein anderer unseren Reisezweck erläuterte. Dabei wurde jedem ein Glas Wasser ausgeschenkt. Der Dorfchef hieß uns willkommen und ließ dann einen Zuckerrohrschnaps kreisen. Olaf drückte unsere Dankbarkeit aus für den offenen Empfang und erklärte, dass uns der Schutz der Meeresschildkröten am Herzen liegt und die deutsch-ivorische Freundschaft hierbei eine besondere Rolle spielen kann. Darauf würde uns noch ein Sangria kredenzt. Das auf Französisch gehaltene Gespräch war teilweise mit Krou, die Sprache der Krouman in Pitiké, versetzt – eine sehr melodische Sprache. 

Es fing wieder an zu regnen und wir verlegten unsere Runde in das bedachte, an den Seiten halboffene Versammlungshaus, ein durch den Verein und die kanadische Botschaft finanzierter Beitrag für ein leichteres Leben im Dorf. Es ergoss sich ein ganzer See von oben auf uns herab, es gewitterte heftig. Erst nachdem ein paar Geschenke ausgetauscht wurden und ein zweiter Zuckerrohrschnaps in die Runde ging, tauchten Assa und Guivé auf, die sich zufuß durch das Gewitter bis Pitiké durchschlugen. 

Der Abend war noch nicht zu Ende, denn der abklingende Regen machte uns neugierig auf unseren ersten nächtlichen Meeresschildkröten-Spaziergang am Strand. Wir marschierten mit vier Gruppen aus je drei Personen und ausgestattet mit Rotlicht, um die Meeresschildkröten nicht vor der Anlandung abzuschrecken, zeitversetzt Richtung Osten. 

Dieser Tag hatte damit einen wunderschönen Ausklang, am offenen Atlantik ins Nichts zu gehen, in der Hoffnung auf eine Begegnung mit einem der ehrfuchtgebietensten Geschöpfe, der Lederschildkröte.

Nach einer Nacht im Schutz des Versammlungshauses, bauten wir unser Lager etwa anderthalb Kilometer östlich von Pitiké auf: 

In San Pedro

San Pedro hat uns die nötige Akklimatisierung verschafft, um weiter in das Projektgebiet nahe der liberianischen Grenze zu reisen. Das Klima ist für uns Mitteleuropäer eine Herausforderung, obwohl wir mit 28-30 °C am Ende der Regenzeit noch recht „gut bedient“ sind. Es schauert immer wieder heftig, in Begleitung von Gewittern oder einfach so. 

In San Pedro haben wir Kontakt mit  unterschiedlichen Leuten, die direkt oder indirekt mit dem Meeresschildkröten-Projekt zu tun haben, z.B. den Künstler Koné, der mit einem unglaublichen Geschick Holz zu Skulpturen verarbeitet.
Auch Schildkröten hat er für das Projekt schon geschnitzt, aus deren Erlös wir die Strandbrigade von Pitiké unterstützen.
Assa haben wir ebenfalls kennengelernt, ein Ornithologie-Student aus Abidjan, der uns ins Projektgebiet begleiten wird.

In San Pedro schlemmen wir einheimische Speisen, die stark gewürzten Fisch oder Huhn mit Maniokreis – Attiaké – auf einem Teller – Chep – in Garküchen oberhalb des Strandes in offenen Holzhütten serviert werden. Sehr lecker!

Die Abfahrt nach Pitiké müssen wir um einen Tag verschieben, weil der Toyota Pickup eine neue Kardanwelle braucht. So haben wir noch Gelegenheit uns Schildkröteneier der Olivard Schildkröte anzuschauen, die von Meeresschildkröten-Schutz „angefixten“ Einheimischen von gefährdeten Gelegen in sicherere Strabdgefilden versetzt werden. Sie bekommen dafür ein wenig Geld vom einem deutschen Hotelbetreiber, der unser Schutzprojekt dadurch auch unterstützt. In seinem Hotel hatte Olaf vor einigen Jahren ein kleines Meeresschildkröten-Aufklärungsposter aufgehängt, das dort immer noch für Aufmerksamkeit sorgt.

Wir hoffen sehr bald selbst Schildkröten bei der Eiablage beobachten zu können. Aber noch ist es nicht soweit; Wir warten noch auf Alexandre, der uns am kommenden Tag mit dem Pickup abholt. 

Ocean africain

Nachdem wir gestern noch ein paar mit allen Wassern gewaschenen Regenzeitschauern abwetterten, waren heute beste Voraussetzungen für eine spontane Fotosession mit Oceanwell-Produkten. Und da wir wegen eines Kardanwellentauschs an unserem Fahrzeug (ein Toyota Pickup aus ehemaligen UN-Beständen)  ungeplant einen zusätzlichen Tag in San Pedro hatten, ergaben wir uns bei schönstem Wetter unserem Schicksal. Und fotografierten Oceanwell. Aus allen Perspektiven 🙂 

Westwärts nach San Pedro

Was sich so ein bisschen nach dem Titel eines Italo-Westerns oder einer lateinamerikanischen Abenteuergeschichte anhört, bezeichnet unsere Weiterfahrt per Kleinbus von Abidjan an den westlichen Teil der ivorischen Küste.

Der Cousin von Olaf, der bereits seit mehr als dreißig Jahren in dem Land lebt, hatte uns nicht nur mit einer Bleibe in seiner Wohnung den Einstieg nach Côte d’Ivoire erleichtert, sondern auch die Weiterfahrt nach San Pedro organisiert.

San Pedro ist eine Stadt im Westen von Côte d’Ivoire, die den zweitgrößten Hafen des Landes stellt. Von hier wird der Kakao – Côte d’Ivoire ist global der größte Kakaoproduzent – in die Welt verschifft; das sind fast zwei Millionen Tonnen. Der Kakao wird nicht in großen Plantagen kultiviert, sondern stammt von Kleinbauern, die ihre Ernte an Einkäufer verkaufen. Der Preis, den die Bauern pro Kilogramm Kakao bekommen, beträgt nicht einmal 1 Euro. Auf der Fahrt nach San Pedro sehen wir immer wieder Matten oder Planen, auf denen der Kakao gleichmäßig verteilt trocknet.

Tags zuvor haben wir uns mit Alexandre und José vom ivorischen Verein CEM in einer Bar in Abidjan getroffen, um noch einmal den Reise- und Arbeitsablauf durchzugehen. Bei dieser Gelegenheit haben wir Alexandre von den Protect-the-Ocean-Groschen bezahlte technische Ausrüstung übergeben: ein Notebook, ein GPS-Gerät, zwei Wildkameras. Wir verabredeten, uns Dienstag in San Pedro zu treffen und gemeinsam mit einem Ornithologie-Studenten in das Projektgebiet, das noch weiter im Westen liegt, weiterzureisen.

Wir fahren in einem großen Bogen erst nach Norden, dann westwärts, anschließend über Soubré südlich nach San Pedro. Die Küstenstraße ist nach der Regenzeit nicht wirklich fernreisetauglich, so dass wir einen Umweg von fast 200 km in Kauf nehmen. Aber auch die gewählte Strecke erweist sich – mit Ausnahme der ersten 120 km Autobahn – als echter Schlagloch-Slalom-Parcours.
Die Eindrücke von vorbeiziehender Landschaft und von den Menschen, die hier leben sind so vielfältig, dass wir bei unserer Ankunft in San Pedro nicht nur vom 500-km-Slalom körperlich erschöpft, sondern auch mental vorübergehend im Verarbeitungsmodus waren. 

Mit standing ovations lobten wir die kunstvolle Weise, mit der uns der Fahrer nach San Pedro kutschierte und ergaben uns der grandiosen Meeres-Szenerie, zum Munde führend ein kühles Bier, auf dem Teller Zackenbarsch und Languste mit Maniok.

Algen sind lecker!

…oder doch nicht? Schon mal ausprobiert?

Was die Japaner seit Jahrtausenden tun, können die Europäer immerhin seit Jahrhunderten.
Es gibt Berichte aus dem 6 Jahrhundert n.Chr. von irischen Mönchen, zu deren Tagesablauf es gehörte, Algen für ihre Speisekammern zu sammeln.

Also warum nicht einmal Alge auf europäische Art und Weise probieren und diese uralte Tradition wieder aufleben lassen.

Als Einstieg hier ein leckeres und sehr einfaches Rezept für einen Karottensalat mit Meeresspaghetti, das sich als Einstieg in die kulinarische Welt der Algen sehr gut eignet:

Rezept für 4 – 6 Portionen

15 g Meeres-Spaghetti, getrocknet
2 TL Zitronensaft
1 TL Weißweinessig

4 – 5 Karotten, geputzt und mit einem Gemüseschäler in feine lange Streifen geschnitten; oder geraspelt

für das Dressing:
3 EL Olivenöl
1,5 TL Zitronensaft
1 TL körniger Senf
1 TL Honig
etwas Cayennepfeffer
etwas Meersalz

Zubereitung:
Die getrockneten Meeresspaghetti abspülen und in warmen Wasser ca. 15 Minuten einweichen. Danach erneut abspülen und mit dem Zitronensaft und dem Essig ein paar Stunden – am besten über Nacht – marinieren.
Die Meeres-Spaghetti aus der Marinade nehmen und in mundgerechte Stücke (ca. 2,5 – 5 cm) schneiden. Ein paar Spaghetti für die Dekoration vorher beiseite legen.
Das Dressing aus den angegebenen Zutaten anrühren. Die Meeres-Spaghetti und die Karottenstreifen in eine große Schüssel geben, das Dressing drüber geben und vermengen. Den Salat vor dem Servieren mind. eine Stunde durchziehen lassen.

Guten Appetit!

Neu: Der Meeresatlas 2017

Daten und Fakten über unseren Umgang mit dem Ozean

Das nenne ich mal ein sinnvolles und außergewöhnlich anregendes Projekt:
Die Heinrich Böll Stiftung hat in Zusammenarbeit mit dem Kieler
Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ und Le Monde diplomatique den
Meeresatlas 2017 herausgegeben. Der Meeresatlas fasst auf knapp 50
Seiten sehr anschaulich und neugierig machend zusammen, warum es
sinnvoll ist, den Schutz der Meere ins Auge zu fassen.

Besonders gut gefällt mir am Atlas, dass auch Nicht-Wissenschaftler
angesprochen werden. In Bildern und Zahlen werden Fragen behandelt wie
z. B.
– „Welche Reichtümer und welchen Wohlstand verschafft uns der Ozean?“
– „Wie gehen wir mit diesen Ressourcen um?“
– „Wie steht es um die Gesundheit der marinen Ökosysteme, und was sind
die größten Bedrohungen?“
– „Wie wirkt sich der Klimawandel auf Meere und Küsten aus?“
– „Welcher Zusammenhang besteht zwischen einer nachhaltigeren Nutzung
mariner Ressourcen und Änderungen in unseren Produktions- und
Konsummustern?“

Schon bei der Grundsteinlegung von Oceanwell war uns der Schutz der
Meere eine Herzensangelegenheit. Mit dem Meeresatlas 2017 bekommt die
Diskussion neues, fundiertes Futter und regt zur Beteiligung an
Maßnahmen zum Schutz der Meere an. Mir persönlich hat die Lektüre
richtig Spaß gemacht und selbst als Nachschlagewerk hat der Atlas mir
schon geholfen um die Fakten richtig zu zitieren. Sehr empfehlenswert!

Der Meeresatlas ist via Download als pdf-Datei kostenfrei verfügbar.