Neues von der Côte d´Ivoire

Dank vieler Spenden und Partner wächst unser Projekt „Protect the Ocean“ immer weiter. Mit ihren Aktivitäten hat die Maritime Naturkosmetik Oceanwell einen Prozess angestoßen mit dem Ziel, ein Meeresschutzgebiet im Südwesten der Côte d’Ivoire bei Grand Béréby zu realisieren. Unser Projektleiter Olaf Grell ist wieder jetzt wieder vor Ort und wird in Kooperation mit lokalen Akteuren der Nichtregierungsorganisation CEM die Errichtung des ersten Meeresschutzgebietes (MPA – Marine Protected Area) vorantreiben. Neues von der Côte d´Ivoire weiterlesen

Eine besondere Adventsbegegnung

Wir kommen kurzfristig aus dem mentalen Tritt, wenn wir darüber nachdenken, dass es bei uns zuhause 4 °C kalt ist und die Weihnachtsmärkte bereits geöffnet sind. Es ist erster Advent.

An diesem ersten Advent machten wir uns in minimaler Adventsstimmung auf unseren nächtlichen Schildkröten-Kontrollgang bei 25 °C und klarem Abendhimmel. Wir hofften nicht, an diesem Tag noch eine Schildkröte zu Gesicht zu bekommen, denn der aufgehende Mond schien bereits sehr hell und die Meeresschildkröten meiden Anlandungen bei Mondlicht. Sie mögen es lieber dunkel bei der Eiablage.

Außerdem waren wir am ersten Adventsmorgen bereits Geburtshelfer bei Olivenschildkröten-Babies und noch mehr Glück an einem Tag wagten wir nicht in Anspruch zu nehmen.

Erik, Inez und ich waren in einer Gruppe. Erik, der Chef der Strandbrigade in Pitiké, marschierte in einem Irrsinnstempo über den weichen Strand und ich vermutete, dass meine Schwierigkeiten mitzuhalten eventuell mit dem geringen Einsatz zu tun haben, mit denen ich in den letzten Jahren Leibesübungen betrieben habe. Ganz vielleicht steckte hinter diesem aufopferungswürdigen Sprint von Erik auch Imponiergehabe gegenüber der einzigen Frau im Team, was nicht mein Problem war. Mein Problem war eher mein zwickender Muskelkater in den Waden, der von dem ebenfalls strammen Tempo von letzter Nacht stammte. In der letzten Nacht hatten wir Glück und wir konnten eine Grüne Meeresschildkröte bei der Eiablage beobachten.

Wir staksten über den Strand in Richtung Dorf, in dessen Nähe Erik uns ein Eigelege zeigte, das bald seine kleinen Bewohner ins Leben entlässt.

Ein unangenehmes Piepen holte uns aus der heimelig-ruhigen Szene. Aus dem Walky Talky von Wolf krakelte eine aufgeregte Stimme: „Un luth, un tortue luth!!!“ – Eine Lederschildkröte! Die größte und beeindruckendste Schildkröte, die auf unserem Planeten existiert. Bis zu 2 m lang und bis zu 900 kg schwer werden diese Tiere. Wir mussten sie gerade verpasst haben und der nachfolgende Trupp stieß auf die gerade aus dem Meer steigende Schildkröte.

Wir eilten zur Tortue luth und kamen rechtzeitig zu den Vorbereitungen der Eiablage, die in ausgiebigen Grabungstätigkeiten bestehen:

zuerst buddelt die Schildkröte mit den Hinterfüßen ein bis zu einem halben Meter tiefes Loch.

50-100 fast tennisballgroße Eier legt sie unter gelegentlichem Schnaufen in das Loch. Wir beobachten mit einer guten Portion Ehrfurcht dieses faszinierende Naturschauspiel.

Nach etwa 20 Minuten waren die Eier „eingelocht“ und nach einer kurzen Verschnaufpause fing die eigentlich harte Schaufelarbeit an. Die Lederschildkröte begnügt sich nämlich nicht mit dem einfachen Zuschütten des Geleges, sondern gräbt auch umliegende Flächen um, damit etwaige Räuber das Gelege nicht sofort erkennen.

Alles in allem vergingen etwa 1,5 Stunden Vor der Anlandung bis zur Wiederkehr in das vertrauter Meer. Hier verbringen die weiblichen Meeresschildkröten 6 oder 12 Monate im Meer, keiner weiß genau wo, und ernähren sich vorwiegend von Quallen. Die Männchen kommen nie an Land. Nach dieser Zeit treffen sich die Weibchen zur Befruchtung der Eier mit den Männchen vor der Küste und legen erneut Eier. Gut beschützt durch die Strandbrigade des ivorischen Vereins CEM.

Erste Arbeiten

Die Anreise ins Projektgebiet hat alles in allem sechs Tage gedauert. Der Aufbau des Lagers ging zügig und wir waren froh, dass wir das große Tarp mitgeschleppt haben, denn die Regenzeit läuft nur allmählich aus und es schauert immer wieder kräftig.

Nun geht es an die Arbeit und wir erkunden in den kommenden Tagen die Lagunen, Mangroven, Strand und Meer.

Wir haben eher kleine Ausrüstung dabei,  weil wir erst einmal schauen wollen, was vor Ort näher zu untersuchen wirklich Sinn macht. Eines haben wir schon sehr bald gelernt: alles macht Sinn, denn es gibt bislang – die laufende Doktorarbeit von Alexandre ausgenommen – keine Beschreibung der Biologie und Ökologie von dieser einzigartigen Kombination von Wald, Lagunen, Strand und Meer in dieser Gegend.

Vier Bereiche standen auf dem (biologischen) Programm:

  1. die Lagune sichten, fotografieren, beschreiben, pH-Wert, Salinität und Sauerstoff messen
  2. nächtliche Kontrollgänge am Strand machen, um Meeresschildkröten-Gelege zu sichern, zu dokumentieren und die Erwachsenen Tiere zu markieren sowie Gewebeproben zu nehmen.
  3. Die Lebewelt fotografieren und einen ersten Eindruck von der Biodiversität und den ökologischen Zusammenhängen bekommen.
  4. Vogelkundliche Erhebungen mit Japannetzen und über Sichtungen.

Wolf hat sich schon jetzt eine Unmenge an Fotos geschossen. Wir freuen uns darauf sie auf einem großen Bildschirm zu betrachten. Immer wieder kamen auch die Mitglieder der Strandbrigade, die uns bei allen Dingen halfen und von denen wir viel lernen konnten, mit Tierexponaten aus Meer und Wald, vom Kugelfisch und Krabben bis zu Waran und Flusskrokodil.

In uns gärt der Plan, eine Veranstaltung zu verschiedenen Aspekten unserer Reise zu machen – mit Diashow und Vorträgen. Mal sehen, was wir von dieser schönen Idee im Alltag umsetzen können.

Assa hatte die längsten Arbeitstage; er stand jeden Morgen um sechs Uhr auf und ging seine Netze kontrollieren, obwohl er auch immer an den nächtlichen Kontrollgängen teilnahm. Assas ornithologische Schnellansicht resultierte in der nicht überraschenden Erkenntnis, dass die Vogelwelt an dem Strandabschnitt bei unserem Camp mit der angrenzenden alten Kokosplantage deutlich weniger divers war als der zwei Kilometer weiter östlich gelegene Lagunen- (Primär) -wald. Doch schon aus dem anthropogen geprägten Waldstück brachte er interessante Vögel zum Fotografieren ins Lager: Nektarvögel, Falken, Bülbül, Tauben. Immer wieder patroullieren Schwarzmilane und ein Afrikanisches Fischadlerpaar über der Küste. Nicht zu den Vögeln, aber zum hiesigen Luftraum gehören die Flughunde, die zu hunderten immer zur gleichen Zeit um halb sieben abends über unser Camp in ihr Nachtquartier ziehen. Inez hatte sich zur Angewohnheit gemacht, sich dann auf den Strand zu legen und in der Abenddämmerung die Flughunde über sich ziehen zu lassen.

Peters und meine Messungen einiger abiotischer Parameter des Lagunenwassers an verschiedenen Standorten begannen etwas frustrierend, denn die pH-Sonde erwies sich als nicht funktionsfähig. Wir haben aber einige Salzgehalts- und Sauerstoffmessungen durchgeführt, aus dem wir einerseits den Einfluss des Meerwassers auf die Lagunen ableiten und andererseits Anhaltspunkte aus der Sauerstoffzehrung ziehen können. Beides sind entscheidende Einflussfaktoren für das Ökosystem und die Artenzusammensetzung.

Von den nächtlichen Kontrollgängen der Strandbrigade hatte uns Olaf schon vor längerer Zeit und ausführlich berichtet, denn sie bilden bislang das Rückgrat des Schutzprojektes.

Über eine Strecke von insgesamt 40 km verteilen sich vier Gruppen in unterschiedlicher Personenstärke: sechs in Pitiké, sechs in Mani, zwei in Dawa und zwei in Rok. Die zwei größeren Gruppen laufen zeitversetzt im Abstand von einer halben Stunde in 2-er Gruppen einige Kilometer, um 1,5-2 Stunden Pause zu machen und anschließend wieder zeitversetzt zurück zu laufen. Diese Vorgehensweise verhindert, den Landgang der Meeresschildkröten zu verpassen. Diese brauchen nämlich 1-2 Stunden, um die Vertiefung für die Eiablage zu graben, die Eier abzulegen, das Loch wieder zuzugraben und schließlich den Rückweg ins Meer zu schaffen.

Erik, der Leiter der Strandbrigade von Pitiké, teilt uns in Gruppen von je drei Personen und die ein oder andere Nacht lassen die „Jungs“ von der Brigade die klimagestressten,  bürostuhlpupsenden Deutschen einfach schlafen und wecken uns, wenn es etwas zu sehen gibt.

Unser Internet ist „alle“. Dieser Beitrag wird ein, zwei Tage später das Licht der Welt erblicken.

Vorfreude

Den Oceanblog wollen wir in den nächsten Wochen für die Dokumentation unserer Reise nach Côte d ‚Ivoire nutzen. Unsere kleine Expedition dient der Unterstützung des mit dem ivorischen Verein CEM gemeinsam initiierten Schutzes der Meeresschildkröten in dem westafrikanischen Land.

Die Reiseplanungen sind soweit abgeschlossen, Impfungen bereits absolviert, Anschaffungen und Mitbringsel für unsere Gastgeber erledigt… wir hinterlassen einen Berg an Arbeit. Diesen wissen wir bei unseren Kollegen in guten Händen.

Diese Reise hat eine Vorgeschichte, die kurz erzählt sei. Olaf Grell, selbständiger Biologe aus Kiel, war vor einigen Jahren für ein wissenschaftliches Projekt das erste Mal in Côte d’Ivoire. Damals hat er die Dörfer und ihre Bewohner der westlichen Küste des Landes kennengelernt und schnell begriffen, dass die Meeresschildkröten dort akut in Gefahr sind. Auch durch die Küstenbewohner und deren Angewohnheiten, die Schildkröten und ihre Eier, die sie im warmen, tropischen Sand ablegen, zu verspeisen. Hier erkannte Olaf das große Potenzial an Aufklärung, Schutz und zukünftiger nachhaltiger Nutzung. Wir waren bei seinen Schilderungen von Kultur und Landschaft sofort elektrisiert, weil auch eine sinnvolle Unterstützung aus Sicht von uns Meeresbiologen und Europäern möglich scheint.

Jetzt sitzen wir im Brüsseler Flughafen und warten auf unseren Flug nach Abidjan. Wir, d.h. Inez Linke, Olaf Grell, Peter Krost, Wolf Wichmann und ich, Levent Piker.

Demnächst mehr von unserer Reise aus Côte d’Ivoire.

Schutz der Meeresschildkröten von Côte d`Ivoire

Ich möchte über ein schönes und sinnstiftendes Projekt erzählen. Seit 2015 läuft die Oceanwell-Kampagne „Protect the Ocean“ , die im westafrikanischen Staat Côte d’Ivoire den Schutz von Meeresschildkröten unterstützt.

Vier bedrohte Schildkrötenarten, wie z.B. die Lederschildkröte, leben in dieser Meeresregion und nutzen die Strände zur Eiablage. Sie alle sind stark gefährdet durch die Fischerei, aber auch durch andere Küstenbewohner, für die das Sammeln der Eier und die Jagd nach Schildkröten am Strand Tradition hat. Daher ist die Beteiligung der Bevölkerung an den Schutzmaßnahmen ein besonders wichtiger Erfolgsfaktor. Seit 2012 arbeitet federführend der Verein CEM (Conservation des Espéces Marines) daran, an der Côte d’Ivoire das erste Küstenschutzgebiet Westafrikas entstehen zu lassen.

Für den ivorischen Biologen Alexandre Dah, einen der Initiatoren des Projektes, ist die Sensibilisierung der Menschen für ihre Küsten und die Schildkröten die größte Herausforderung. Inzwischen haben sich schon Mitstreiter aus den umliegenden Dörfern gefunden, die als „Protecteur des Tortues“ mit den Menschen sprechen und sich aktiv für die bedrohten Arten einsetzen. Die Maßnahmen reichen von regelmäßigen täglichen und nächtlichen Kontrollgängen der sogenannten „Strandbrigade“ zur Brutzeit, bis hin zu Überführungen der am Strand geschlüpften Schildkrötenbabies ins Meer. Damit wird die Wanderung der Jungtiere vom Strand ins Meer gesichert und auch Dutzende erwachsene Tiere vor Verfolgung geschützt.

Der Kieler Biologe und Kooperationspartner von Oceanwell, Olaf Grell, berät und unterstützt die Initiatoren vor Ort. 2016 kaufte er für die Frauen-Kooperative des an das Schutzgebiet angrenzende Dorfes Dawa eine motorgetriebene Maniok-Zerkleinerungsmaschine. Sie ermöglicht es den Frauen, Maniok-Produkte in größerer Menge herzustellen und zu verkaufen. So verbessert sich der Lebensstandard und indirekt auch die Akzeptanz der Menschen für das Schutzprojekt.
Mit Oceanwell-Mitteln wird auch 2017 die 16-köpfige „Strandbrigade“ unterstützt. Sie schützt während der Brutsaison die Schildkröten-Gelege. Für eine verbesserte Kommunikation während der nächtlichen Patrouillengänge wurden eine Reihe Mobiltelefone angeschafft.

Die Begeisterung der Bevölkerung vor Ort für das Meeresschildkröten-Projekt wächst kontinuierlich und es gewinnt zunehmend an Bekanntheit. So haben Einheimische im Ort San Pedro selbständig ein bedrohtes Gelege ausgegraben und ins Schutzgebiet gebracht. Die Schildkröteneier wären ansonsten einen Tag später in der Bratpfanne gelandet. Die erwachte Freude der Einheimischen am Tierschutz lässt erwarten, dass sich der langsam entwickelnde sanfte Tourismus im östlichen Teil des Projektgebietes nicht negativ auf die Schutzziele auswirkt.
Über die von Oceanwell eingerichtete CEM Homepage wurde in diesem Jahr die amerikanische Organisation „Rainforest Trust“ auf das Projekt aufmerksam und überlegt nun, die Einrichtung eines offiziellen Schutzgebietes (Réserve Naturelle Volontaire) maßgeblich zu unterstützen.

Jetzt heißt es noch biologische Feldarbeit zu machen und mit dem Engagement der Menschen vor Ort zu arbeiten. So würde in Westafrika das erste Meeresschutzgebiet entstehen und damit einen lebendigen Beitrag zum Nachhaltigkeitsziel SDG 14 (Meeresschutz) der Agenda 2030 beitragen.