Birdwatching oder: Wie finde ich Gleichgesinnte in der Natur?

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Die Überschrift ist vielleicht etwas verwirrend. Ich dachte auch mal: Vogelbeobachtung – da sitzt man irgendwo alleine mit seinem Fernglas und schaut sich Vögel an. Kann man machen, dann ist man aber Amateur. Als Profi ist man mindestens mit einem Spektiv („Fernrohr“) mit Stativ und mit dem unverzichtbaren Notizbuch unterwegs, um seine Sichtungen zu notieren und später auf entsprechenden Portalen zu teilen. Die Ausrüstung reicht von „stylisch abgestimmt“ (im Werte eines Mittelklassewagens) über „militärische Tarnausrüstung“ bis hin zu „zerrissenen Arbeitsklamotten“.

Sobald auf einem Portal eine seltene Sichtung gemeldet wird, setzen sich viele Gleichgesinnte in Bewegung, um diese Art auf ihrer Liste auch abhaken zu können. Dann kann es sein, dass 20 und mehr Menschen sich um einen kleinen Vogel scharen, um ihn zu fotografieren. Ob dieser unter solchen Bedingungen sein natürliches Verhalten zeigt, darf manches Mal bezweifelt werden. Denn oft geht es alles andere als ruhig zu: Da wird mit der Ausrüstung geklappert, über die Artbestimmung diskutiert und um die besten Plätze „gekämpft“. Auf jeden Fall kommt man so einfach in Kontakt mit wildfremden Menschen!

Und genau so ein Fall ist im Februar hier in Kiel auf dem Ostufer eingetreten. Inzwischen gab es sogar einen Artikel in den Kieler Nachrichten.

Ein Drosseluferläufer wurde gesichtet!

Der Drosseluferläufer ist ein Zugvogel, der normalerweise in Nordamerika beheimatet ist. Als guter Flieger kann er Strecken von mehreren tausend Kilometern zurücklegen. Das Kieler Exemplar muss aber irgendwo falsch abgebogen sein um dann ohne Artgenossen in Kiel zu landen. Aber offensichtlich ging es ihm gut. Bisher gab es nur 13 Sichtungen in Deutschland in den letzten 120 Jahren.
So etwas geschieht immer mal wieder. Letztes Jahr war die Pazifische Trauerente das Vogelkundler-Highlight. Da hatte sich das verirrte Exemplar aber mit seinen Verwandten aus dem atlantischen Bereich zusammengetan.

Die Bilder geben einen Eindruck, wie es über 2-3 Wochen um den ca. 20 cm kleinen Vogel ausgesehen hat und was man auch noch nebenbei entdecken konnte (da, wo nicht so viel Trubel war).

Spuren im Sand
Die Spuren im Sand weisen den Weg. Um 08:30 bin ich schon spät dran.
Birdwatching
Und da ist das Ziel (rechts zwischen den Steinen).

(Das Schnee-Bild oben links wurde freundlicherweise von Sebastian Grell zur Verfügung gestellt. Unter https://techspeak.de/drosseluferlaeufer-steckbrief/ findet man neben einem Steckbrief des Uferläufers auch ein nettes Making Off seiner Bilder).

Und hier ist er nun: der Drosseluferläufer

Wissenschaftlicher Name: Actitis macularius

Drosseluferläufer
Wer hat da wen entdeckt?
Drosseluferläufer
In voller Pracht – oder eben nicht: es handelt sich hier nur um das „Schlichtkleid“. Erst das „Prachtkleid“, das er zur Brutzeit bekommt, hat die dunklen Flecken auf der Bauchseite. Diese erinnern an das Federkleid unserer Singdrossel.
Drosseluferläufer
Der Drosseluferläufer ernährt sich ausschließlich von tierischer Nahrung, die er im Uferbereich sucht.
Drosseluferläufer
Dabei wird alles gefressen, was fressbar erscheint.
Drosseluferläufer
Der Drosseluferläufer kann zwar schwimmen, wagt sich aber meist nur bis zum Bauch ins Wasser.
Drosseluferläufer
So ist er auch weiter weg vom Wasser auf der Jagd. Unser Kieler Exemplar kannte seltsamerweise keine Scheu vor Menschen. Ich hatte mich etwas abseits zwischen die Steine gelegt, aber er lief geradewegs auf mich zu.
Drosseluferläufer
Erst ca. 2 m vor mir wurde es ihm dann doch etwas unheimlich…
Drosseluferläufer
Er suchte sich ein neues Plätzchen, nicht weit entfernt. Und so setzte sich eine kleine Karawane von vogelbegeisterten Menschen in Bewegung und folgte ihm.

Noch ein ernstes Wort zum Ende:
Manches möchte man eigentlich nicht erleben: Eine Spaziergängerin ging am Wasser entlang, völlig unbeeindruckt durchquerte sie die Reihen der Beobachter und Fotografen und lief auf den Drosseluferläufer zu, der natürlich erschreckt aufflog. „Oh, habe ich den Vogel verscheucht?“ Fassungslose Gesichter überall. „Ich kann ihn ja wieder in ihre Richtung zurückscheuchen!“ Einer aus der Runde brachte es auf den Punkt: „Nein Danke. Sie haben schon genug angerichtet!“
Nicht, das dies nur durch unachtsame Spaziergänger geschieht! Auch die Versuche möglichst dicht an den Vogel heranzukommen um ein möglichst gutes Bild zu schießen enden meist mit dem Aufscheuchen der Tiere. Gerade bei den Zugvögeln, die die Rast nutzen um ihre Energiereserven aufzufüllen, ist solche Aufregung sehr schädlich: Es stört beim Ruhen und Fressen und verbraucht obendrein noch unnötig zusätzliche Energie.
Mit genügend Abstand ist das Naturerlebnis nicht minder faszinierend!!

Zum Glück war „unser“ Drosseluferläufer ungewöhnlich entspannt. Wünschen wir ihm alles Gute auf seinem weiteren Weg.

Bildnachweis:
Schneefoto: Sebastian Grell
alle weiteren Fotos: Thomas Kujawski / ASA-Multimedia

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Veröffentlicht von

Thomas Kujawski

Mein Name ist Thomas Kujawski und ich bin bei oceanBASIS und CRM für die Computertechnik zuständig. Da ich gelernter Biologe bin, versuche ich in meiner Freizeit so oft wie möglich raus in die Natur zu kommen. Mittels der Fotografie möchte ich anderen Menschen zeigen, wieviel Schönheit wir auch hier vor unserer Haustür entdecken und erleben können. Man muss eigentlich nur mal innehalten und versuchen mit allen Sinnen die Umgebung zu erforschen und auch auf kleine Details zu achten.

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