Wie sich unser Blick auf die Natur verändert – das Shifting Baseline Syndrome

geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

Was ist eigentlich „gesunde“ Natur, und wie sieht ein „natürlicher“ Lebensraum aus? Diese Fragen würde jeder von uns wohl individuell ein bisschen anders beantworten. In den 1990er Jahren hat man festgestellt, dass nicht nur jeder Mensch diese Fragen anders beantwortet, das Verständnis darüber, wie „gesunde“ Natur aussieht, ändert sich auch gesamtgesellschaftlich über Generationen hinweg – und das nicht nur bei Laien, sondern auch bei Wissenschaftlern, die sich tagtäglich mit Naturschutzthemen befassen.

Das liegt daran, dass jede Generation den Zustand der Natur als „natürlich“ oder „gesund“ wahrnimmt, den sie in der Kindheit kennengelernt hat. Dabei ist es egal ob dieser Zustand noch sehr ursprünglich oder schon weit von einem „natürlichen“ Zustand entfernt ist. Dieses Phänomen nennt man „Shifting Baseline Syndrome“ (übersetzt: „Syndrom der sich verschiebenden Ausgangssituation“).

Das Shifting Baseline Syndrom kann man an vielen Stellen beobachten. Beispielsweise wird heute schon eine Wiese, über der 10 Schmetterlinge flattern, von den meisten Menschen als relativ naturnah angesehen. Texte aus dem 19. Jahrhundert beschreiben jedoch, dass man bei Wanderungen durch Wiesen in Niedersachsen bei jedem einzelnen (!) Schritt Schmetterlinge aufscheuchte.

Bläuling
Bläulinge waren früher weitaus häufiger in der Landschaft zu sehen, heute begegnet man diesen wunderschönen Schmetterlingen nur noch selten.

Ein anderes Beispiel ist der Fischbestand in Flusssystemen: Wenn man heute von einer Brücke in einen klaren Fluss in Süddeutschland schaut und ein Dutzend Fische beobachten kann, nimmt man wahrscheinlich an, dass der Fluss gesund ist. Was man nicht ahnt, ist, dass noch Anfang des 20. Jahrhunderts manche Fischarten, z. B. die Nase, in solchen Massen süddeutsche Flüsse hinaufzogen, dass sie von den Bauern als Dünger auf die Felder geworfen wurden. Solche Fischwanderungen kann man sich heute in Deutschland kaum noch vorstellen. Ähnliches gilt für Norddeutschland, wo noch vor 150 Jahren bis zu 4 m lange Störe in großen Mengen gefangen wurden (das Titelbild zeigt eine Fischhalle in Hamburg Mitte der 1880er Jahre). Diese urtümlichen Fischgiganten gelten seit mehreren Jahrzehnten in Deutschland als ausgestorben und kaum jemand könnte sich heute vorstellen, dass sie einst ein fester Bestandteil unserer Flussfauna waren.

Die Entstehung des Shifting Baseline Syndromes

Was sind die Gründe für das Shifting Baseline Syndrome? In einer kürzlich veröffentlichten Studie, die sich mit dem Phänomen beschäftigt (Soga und Gaston 2018), werden drei Hauptgründe genannt:

  • Erstens, der Mangel an verfügbaren Daten und Berichten darüber, wie natürliche Tier- und Pflanzenbestände aussahen, bevor der Mensch extrem eingegriffen hat (in Mitteleuropa vor allem mit Beginn der Industrialisierung).
  • Zweitens, der Mangel an Interaktion mit der Natur: Immer mehr Menschen wohnen in Städten und interagieren in ihrem täglichen Leben kaum noch mit der Natur. Man geht selten durch einen Wald, hat selten einmal Kontakt mit wilden Tieren oder pflückt einen Wildblumenstrauß. Daraus folgt auch direkt der dritte Grund für das Shifting Baseline Syndrome:
  • Das Wissen über unsere Natur nimmt im Bevölkerungsdurchschnitt immer mehr ab. Deshalb nimmt man auch nicht wahr, ob und wie sehr die Natur sich verändert bzw. sich schon verändert hat. Wenn Arten aussterben, die man gar nicht kennt, stört es einen meistens auch nicht.

Was kann man tun?

Um dem Shifting Baseline Syndrom zu begegnen, schlagen die Autoren der oben genannten Studie vier Maßnahmen vor:

  • Es sollen so viele Daten wie möglich über die derzeit vorhandene Umwelt gesammelt werden um daraus mithilfe von Computerprogrammen und historischen Berichten Rückschlüsse über den ursprünglichen Zustand der uns umgebenden Lebensräume zu ziehen.
  • Die Menschen sollen dazu ermutigt werden, wieder mehr alltägliche Erfahrungen mit der Natur zu machen. Dazu soll auch der Zugang zu Natur vor allem in Städten erleichtert werden, z. B. durch das verstärkte Anlegen von Waldgebieten oder naturbelassenen Wiesen. Solche Maßnahmen sollen dazu beitragen, dass Menschen z. B. eine bunte und nicht eine grüne Wiese als natürlich wahrnehmen.
  • Es soll mehr Wissen über die Umwelt vermittelt werden. Die Autoren betonen, dass diese Wissensvermittlung weit über die Schule hinausgehen muss. So kann schon eine eintägige geführte Wanderung durch städtische Kleingartenanlagen dazu beitragen, dass sich das eigene Wissen über die heimische Fauna und Flora enorm vergrößert.
  • Zu guter Letzt fordern die Autoren, dass so viele natürliche Lebensräume wie möglich wieder hergestellt werden, so dass die Menschen diese kennenlernen und als „natürlich“ wahrnehmen können.
Sobald harte Substrate (z. B. Steine) wieder in die Ostsee eingebracht werden, bilden sich darauf artenreiche Riffgemeinschaften, z. B. aus Muscheln und Algen.

Dieser Ansatz ist auch für unsere tägliche Arbeit bei Coastal Research & Management sehr wichtig. In Umweltgutachten bewerten wir, wie stark Baumaßnahmen die Meeresumwelt beeinflussen und was getan werden muss, um eventuelle Lebensraumverluste auszugleichen. Dabei ist es stets das Ziel, einen möglichst natürlichen Zustand zu erreichen bzw. zu erhalten. Dazu muss definiert werden, wie ein „natürlicher Zustand“ aussieht. Dabei versuchen wir uns an einem vorindustriellen Zustand zu orientieren. Das ist wichtig, denn die Ostsee hat sich durch das Eingreifen des Menschen in den letzten 150 Jahren extrem verändert. So wurden z. B. am Anfang des 20. Jahrhunderts sehr viele Steine aus der Ostsee entnommen, um sie für Baumaßnahmen an Land zu verwenden. Dadurch sind wertvolle Steinriffe verloren gegangen. Eine Maßnahme, um die Ostsee in einen Zustand vor diesem Eingreifen des Menschen zurückzubringen, ist es, wieder Steinriffe in der Ostsee anzulegen. Damit versuchen wir unseren kleinen Teil dazu beizutragen, dass ein wirklich natürlicher Lebensraum erhalten bzw. wieder hergestellt wird und somit das Shifiting Baseline Syndrom nicht noch weiter um sich greift.

Quellen:
Daniel Pauly (1995) Anecdotes and the shifting baseline syndrome of fisheries. Trends in Ecology and Evolution, 10:430
Masahi Soga, Kevin J. Gaston (2018) Shifting Baseline Syndrome: causes, consequences, and implications. Frontiers in Ecology and the Environment, 16(4): 222-230

Bildnachweis:
Titelbild: Aus: PETERSEN, S. 2002: Der Stör soll zurück in die Stör. – Norddeutsche Rundschau, 24. Februar 2004. In: Spratte, S. 2014: Störe in Schleswig-Holstein. Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft. Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein (LLUR), Urheberrechtlich genehmigt durch S. Spratte, Kontakt über Prof. Dr. H. Rosenthal
Schmetterling: Pixabay
Unterwasserbild: CRM

Dir hat dieser Beitrag gefallen?
Sag's weiter oder schreibe einen Kommentar!

Veröffentlicht von

Rafael Meichßner

Moin, mein Name ist Rafael Meichßner und ich arbeite als Meeresbiologe bei CRM (Coastal Research & Management), der Mutterfirma von oceanBASIS. Thematisch befasse ich mich vor allem mit dem Anbau von Algen und deren Nutzung. Hier im Blog schreibe ich aber auch zu anderen Themen, die mir auf dem Herzen liegen, z. B. Umweltschutz, Artenvielfalt und Ökologie.

2 Kommentare zu “Wie sich unser Blick auf die Natur verändert – das Shifting Baseline Syndrome”

  1. Hey Rafael, toller Artikel über Wissenschaft und die subjektive Wahrnehmung!
    Um eine “belastbare” Baseline und deren “Shift” zu beschreiben, müssen dringend mehr Daten gesammelt, und die Natur besser und systematisch beschrieben werden – absolut richtig!
    Ein Gedankenspiel, das vielleicht in einigen Beispielen schon in die Realität beginnt einzudringen (es gibt seit einiger Zeit wieder Lachse in der Krückau!):
    Was passiert wohl im Naturschutz, wenn die Natur oder seine Bewohner sich wieder dem vorindustriellen oder vorbelasteten Zustand annäherte? Z.B., wenn in einigen Jahrzehnten wieder genügend und ausreichend alte Störe in den Flüssen schwämmen, was Fischereibiologen mit genügend Daten auch nachweisen könnten. Oder wenn durch eine riesige Anzahl an Steinriffen und einer verbesserten Wasserqualität (die ja bereits an einigen Orten nachgewiesen ist) entlang der deutschen Ostseeküste der Bestand an Blasentang sich an den Bestand der “Vor-Eutrophierungszeit” angenähert hätte. Sollten wir Menschen dann noch eine “Zweite Chance” bekommen und die Bestände von Stör und Blasentang geregelt nachhaltig befischen können? Schließlich hätten wir dann auch mehr über Methoden der nachhaltigen Fischerei gelernt. Und das Naturschutzamt würde an die Lernfähigkeit des Menschen glauben und den absoluten Schutz der Störe und des Blasentangs aufheben. Die Vorstellung scheint mir geradezu paradiesisch 😉
    Danke nochmal für den schönen Artikel!

    1. Hey Levent,
      ja das klingt wirklich paradiesisch.
      An ganz wenigen Stellen sind wir tatsächlich schon dabei,
      Bestände, die sich nach einer Übernutzung durch den Menschen langsam erholen, nachhaltig(er) zu managen.
      Z.B. beim Atlantischen Thun gibt es solche Bemühungen, auch wenn es immer noch schwierig ist: https://www.msc.org/docs/default-source/default-document-library/stakeholders/msc-fisheries-fact-sheet-eastern-atlantic-bluefin-tuna-2020.pdf
      Aber an ganz vielen Stellen sind wir leider immer noch dabei, die Baseline
      in die falsche Richtung zu verschieben 🙁

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert